Die Weimarer Republik, ihr Ende und unsere Gegenwart: Marburger Historiker Conze mit inspirierendem Vortrag am Burggymnasium

Im Rahmen der Friedberger Burggespräche hielt der Marburger Historiker Prof. Dr. Eckart Conze am 24. Februar 2026 einen Vortrag mit dem Titel „Weimarer Verhältnisse? Krise und Zerstörung der Weimarer Republik im Lichte der Gegenwart“. Die vom Burggymnasium Friedberg in Kooperation mit dem Friedberger Geschichtsverein organisierte Veranstaltung war eingebettet in den aktuellen Geschichtsunterricht der Jahrgangstufe 12 und behandelte eines seiner zentralen Themen. Für das zahlreich anwesende Publikum – 100 Schülerinnen und Schüler sowie Geschichtsinteressierte aus der Stadtgesellschaft – spannte der seit 2003 an der Marburger Philipps-Universität im Bereich der Neueren und Neuesten Geschichte lehrende und forschende Referent den Bogen von unserer aktuellen Wahrnehmung gegenwärtiger Entwicklungen hin zur Kriseninterpretation der Weimarer Zeit.

Dabei verwies Conze in seinem Vortrag auf die klare Distanzierung der politischen Gründergeneration der Bundesrepublik Deutschland, der es wichtig gewesen sei, sich von der Weimarer Republik abzusetzen. „Bonn ist nicht Weimar!“ – so betonte man in den Anfangsjahren der jungen Bonner Republik, und tat dies noch in den 1970er und 80er Jahren, dann aber selbstbewusst, weil man eben bis zur Wiedervereinigung eine demokratische Erfolgsgeschichte vorweisen konnte. Dagegen scheint angesichts der Rückkehr des Rechtsextremismus, des Nationalismus und der doppelten Bedrohung der liberalen Demokratie durch den russischen Völkerrechtsbruch und den US-amerikanischen Wertebruch unser europäisches Gesellschafts- und Politikmodell unter einem massiven multiplen Druck zu stehen, der den Vergleich mit Weimar nahelegt. „Weimarer Verhältnisse“ – das steht für Problemkomplexität, scheinbare Unlösbarkeit von Problemen und gesellschaftliche Zerrissenheit, nicht nur im deutschen Verständnis, sondern mittlerweile auch europaweit.

Dieses Bild zeigt Prof. Dr. Conze während seines Vortrags am Burggymnasium.

Die Begrifflichkeit der „Weimarer Verhältnisse“ spiegelt die Angst vor der Wiederkehr eines kollektiven Traumas wider, das jedoch – so Conze – keinesfalls vorprogrammiert war. Das für die Weimarer Republik immer wieder bemühte Niedergangsnarrativ erscheint vielmehr als Produkt der zielgerichteten Arbeit ihrer Gegner, die seit der zweiten Hälfte des Jahres 1918 an deren Scheitern arbeiteten. Dabei stellte die Republik zunächst den gewollten Gegensatz zum autoritären, antiliberal-obrigkeitsstaatlichen, zudem zunehmend nationalistisch-rassistischen Kaiserreich dar; und die Republik war keineswegs permanent erfolglos, im Gegenteil. Doch erwies sich die Phase der Stabilität in der Mitte der 1920er Jahre als eine Scheinblüte, in der die rechtsextrem-antidemokratischen Kräfte eben gerade nicht verstummten, sondern ihr Zerstörungswerk fortsetzen konnten, wie schon die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 bewies. Das rechtsextreme Narrativ, Republik Demokratie und Pluralismus förderten nicht die nationale Einheit, sondern hemmten bzw. zerstörten sie, traf auf eine Gesellschaft, die spätestens mit der großen Wirtschaftskrise seit dem Beginn der 1930er Jahre bereit war, die Idee einer neuen nationalen Geschlossenheit aufzunehmen. Das „eigentliche Volk“ sollte geeint werden, um die Widersprüche und Krisen der Zeit zu überwinden. Der dann in den Jahren nach 1929/30 erfolgende Niedergang und die Zerstörung der Weimarer Republik war insofern das Resultat einer offenkundig fehlenden demokratischen Identität der damaligen Zeitgenossen, die sich durch Fake News in der vielfältigen Medienlandschaft ebenso in die Irre führen ließen wie von bewusster Faktenleugnung, verbaler Stigmatisierung und politischer Ausgrenzung. Auch bei den Zeitgenossen der Weimarer Republik könne man – so Conze – davon sprechen, dass sie in ihren jeweiligen sozialen „bubbles“ lebten, die bestehende Weltsichten nur kollektiv verstärkten. Schon zeitgenössische Beobachter attestierten sogar eine unverständliche „Panik im Mittelstand“. All dies sei allerdings keineswegs nur ein deutsches Phänomen gewesen; vielmehr habe es sich quer durch Europa entwickelt und schon früh in Süd- und Osteuropa zu autoritär-faschistischen Regimen geführt.

Conze beendete seinen Vortrag mit dem Blick auf unsere Gegenwart. Zweifellos ließen sich seiner Meinung nach viele Facetten von Weimar wiederfinden, was sich bereits in der Sprache der Rechtsextremen zeige, wenn diese von „Systemparteien“ redeten, den sozialen Abstieg der Mittelschichten kommen sähen oder Idee der nationalen Geschlossenheit statt „Parteiengezänk“ propagierten. Doch warnte der Marburger Historiker eindringlich vor der Annahme von Automatismen. Man könne zwar zweifellos unsere Gegenwart mit der Weimarer Entwicklung vergleichen, dürfe Sie jedoch nicht mit ihr gleichsetzen. Vielmehr müsse der Vergleich der Schärfung unseres analytischen Blicks dienen, etwa dafür, dass die Besetzung von Gerichten ordnungsgemäß und im Sinne der Verfassung gewährleistet bleibe; oder auch, dass die historischen Gedenkstätten unbehelligt ihre Aufklärungsarbeit machen könnten.

Hier sieht man die vielen Besucher des Vortrags in der Aula des Burggymnasiums.

An seinen mit viel Applaus bedachten Vortrag schloss sich eine intensiv genutzte Diskussion an, die insbesondere von den Schülerinnen und Schülern für Nachfragen und Austausch genutzt wurde. So konnte das Burggespräch ihnen vermitteln, wie ein historischer Vergleich gesellschaftliches Engagement für die Demokratie in der Gegenwart bestärken kann.

Prof. Dr. Alexander Jendorff

Diese Collage zeigt Eindrücke von der Toskanafahrt inkl. einen Kochkurs.Bella Italia

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